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Numenera: Bin ich denn Doktor Sommer?

Nearly 30 years of Techno  / Science Fantasy: Skyrealms of Jorune (SkyRealms Publishing, 1985  & Chessex, 1992), Numenera (Monte Cook Games, 2013) (Image: obskures.de)

Nearly 30 years of Techno / Science Fantasy: Skyrealms of Jorune (SkyRealms Publishing, 1985 & Chessex, 1992), Numenera (Monte Cook Games, 2013) (Image: obskures.de)

Vor dem folgenden bravourösen Doktor Sommer-Moment zum angesagten Rollenspiel Numenera noch einige generelle Klarstellungen für argusäugige Moralwächter und Doppelplusgut-Apologeten:

… Dies hier war und ist meine persönliche Spielwiese und reines Privatvergnügen, also kein antiseptischer News-Service, der kostenlos und objektiv(?) das Neueste vom Neuen verbreitet. Wer das will, mache sich bitte selbst die Arbeit. Danke.

… because I know there is always an alternative viewpoint.
– Consolidated – Industrial Music is Fascism

… Mitunter beschleicht einen das Gefühl, dass Akzeptanz und Toleranz eine Einbahnstraße ist, die ausschließlich befürwortenden Ja-Sagern (Fanboys, -girls) offen steht. Sorry, das ist in meinen Augen eine etwas einseitige Weltsicht.

What makes you think you’re the one who can laugh without cryin‘?
– Twilight Singers – What makes you think

„Parabeln“ und so – versteht nicht jeder.

Es gibt hier – bislang – weder bezahlte Werbung noch irgendwelche Affiliate-Links. Dieser Unabhängigkeit entsprechend und trotz meiner persönlichen Nähe zu einigen Rollenspielmachern erlaube ich es mir, Produkte zu loben und zu kritisieren („dissen“), wann und wie ich es für richtig halte. Ein vermessener Anspruch – ich weiß, denn gerade in Online-Zusammenrottungen (Communities, Foren) schart sich schnell ein tugendwachender Online-Mob zusammen, der es a.) offensichtlich präferiert, leicht verdauliche, vorrangig gute Nachrichten vorgesetzt zu bekommen und b.) ohnehin alles besser weiß.

Also noch einmal: Hier schreibe ich, wie es mir gefällt. Auf angemessen vorgetragene Anmerkungen und Kritik reagiere ich, ansonsten so what! Im Allgemeinen verfügen Browser über eine Adresszeile. Niemand wird gezwungen, hier zu verweilen. Es gibt so viele andere „nette“ Blogs, die den jeweiligen Heiligen (Rollenspiel-)Gral goutieren. Farewell.

Immer noch da? Sehr schön – freut mich. Dann können wir uns der Leserpost widmen. Der Absendername wurde geändert und der Text (nach den Fragen) ein wenig gekürzt.

„Guten Abend

 

Zunächst mal: Hervorragend lesbarer Blog. Erfrischend wenig anbiedernd und durchgestreamlined in der Meinung.

 

Auf deinen Blog bin ich leider erst durch Numenera und die aktuelle Kampagne aufmerksam geworden. Mich hatte eigentlich zunächst mal das Werbeversprechen geködert, dass System und Welt den Geist von Möbius und Lawrence (Storm, …) einfangen würden.
Da ich nichts mehr hasse als irgendwelchen Modetrends und Hypes (das spielt bei Numenera leider – ob gut oder nicht gut – eine Rolle) aufzusitzen oder diese sogar mitzutragen, vielleicht drei Fragen an dich als Kritiker:

# Ich mag Möbius und Lawrence. Kann ich dieses Setting über Numenera abbilden? Gibt es alternative und brauchbare Rollenspiele, die das genau so oder vielleicht eher tun? Oder ist da der Markt alternativlos?“

Numenera (r., Monte Cook Games, 2013) (Image: obskures.de)

Creatures of Skyrealms of Jorune (l. – SkyRealms Publishing, 1985), Numenera (r., Monte Cook Games, 2013) (Image: obskures.de)

Vielen Dank für das wohlwollende Feedback. Ich hoffe, Du kannst mit den folgenden Antworten etwas anfangen.

Ja, ich denke, Du kannst mit dem System die Ideen der beiden Comic-Autoren adaptieren.

Würde ich das machen? Vermutlich nicht. Außer Skyrealms of Jorune fällt mir jedoch kein anderes Science Fantasy-Rollenspiel ein, das einen – einigermaßen – vergleichbaren Ansatz verfolgt. Numenera gehört derzeit vermutlich zu den angesagtesten Systemen, doch Popularität und Qualität sind unterschiedliche Dinge. Ausgehend vom Grundregelwerk stellt Monte Cooks Hipster-Rollenspiel für mich ein „Far Future“ Dungeons & Dragons dar: Glaives (Kämpfer einschließlich Armor Proficiency – siehe Practiced in Armor, Numenera, p. 29), Jack (Schurken) und Nanos (Magier). Die altbekannte Jagd nach Schätzen und magischen Gegenständen bekommt schlicht einen Nano(-tech)/Weird-Anstrich (Cyphers are almost always scavenged out of old machines … single-use items (Numenera, p. 280), Artifacts are tech devices left over from the civilizations of the past … appear more magic than machine. (Numenera, p. 298) usw.)), aber ansonsten nicht viel Neues in der Neunten Welt. Aus einem Elfenmantel (Schleich-/Tarn-Bonus) wird halt ein Chameleon Cloak (Numenera, p. 302), Detonation (Web) (Numenera, p. 285) ersetzt das viel erprobte „magische“ Spinnennetz und dergleichen (seitenweise) mehr. Das ist ja alles so aufregend neu und total weird.

Ich bin jetzt kein großer Science Fantasy-Enthusiast, aber ich würde wohl eher Barbarians of Lemuria hacken, Fate Core oder gar Savage Worlds nutzen, um mit dem Genre zu spielen. Vielleicht hat jemand eine schicke Powered by the Apocalypse-Umsetzung (Apocalypse World, Dungeon World, tremulus) gemacht?

# Das System, den Spielleiter dadurch zu entlasten, dass Spieler auch ihre „defensiven“ Würfe würfeln und der Spielleiter so eigentlich kaum was würfelt, fand ich innovativ. Scheinbar ist es woanders entlehnt. Woher (Pathfinder)?

Pathfinder – sicher nicht. Ich kenne jetzt nicht alle Powered by the Apocalypse-Varianten, aber z. B. bei tremulus (Cthulhu-Mythos) würfeln ausschließlich die Spieler. Lady Blackbird und das Cinematic Unisystem kommen meines Wissen ebenfalls ohne Spielleiter-Gewürfel aus. Hollow Earth Expedition oder Fate Core können voraussichtlich ohne großen Aufwand ähnlich gespielt werden. Der Spielleiter setzt einfach den Würfeldurchschnitt an. Bereits in den 90ern würfelten angeblich nur die Spieler in Lost Souls. Sicher bin ich mir hier nicht. Es ist vermutlich nicht vollkommen abwegig, dass die aktuelle Ausprägung dieses Design-Kniffs von Arkham Horror oder anderen Brettspielen angeregt wurde.
Nicht jeder Spielleiter verzichtet im Übrigen gerne auf das Würfeln und Numenera wirkt auf mich nicht sonderlich innovativ.

# Das sonderbare D20-Prinzip mit dem Faktor 3 finde ich irgendwie gewöhnungsbedürftig? Konntest du mal sehen, wie das in der Praxis wirklich ankommt?

Nein, mein Interesse hält sich in Grenzen. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass es sich lohnt, die allermeisten Spiele selbst zu spielen. Numenera und The Strange stehen jedoch sehr, sehr weit hinten auf meiner Liste.

„Alles“ hat eine Stufe in Dreierschritten (3, 6, 9, 12, etc.), adäquate Fähigkeiten und Assets reduzieren die Schwierigkeit um maximal vier Stufen. Spieler müssen mit einem 20-seitigen Würfel gleich oder über die verbleibende Schwierigkeitsstufe (mal 3) würfeln. Etwaige Modifikatoren bis +2 werden direkt auf den Wurf addiert. Ab einem Bonus von +3 wird das Ganze wie ein Asset behandelt und von der Schwierigkeitsstufe abgezogen (Numenera, p. 86 f). Darüber hinaus können Spieler Punkte (Effort) ausgeben, um den Wurf weiter zu beeinflussen. Gumshoe?

Vermutlich kennt Herr Cook das deutsche Rollenspiel Midgard nicht, sonst würde die dusselige Depletion-Regel („Ausbrennwahrscheinlichkeit“ – Numenera, p. 298) anders aussehen. „Alles“ hat durchgängig Stufen, aber die Nutzung der „magischen“ Weirdtech-Artefakte setzt auf einen speziellen, ziemlich blödsinnig umgesetzten Unterwürfel-Mechanismus (Cellular Disruptor: 1 in d10 (Numenera, p. 302), Cypher Bag: 1 in d20 (Numenera, p. 303), Fiery Hellmaker: 1 in d6 (Numenera, p. 304), etc.). Die anderen Würfel in der Sammlung sollen wohl nicht vergammeln? Tolles Design sieht für mich anders aus.

# Apropos Pathfinder: Ich glaube, du magst das System nicht. Wie stehst du eigentlich zu Savage Worlds? Und wo kann man sich mal komprimiert schlau machen, wie das eigentlich „geht“?

Richtig. Pathfinder und auch Savage Worlds stehe ich kritisch gegenüber. Savage Worlds stellt sich mir vorrangig als Puppenrollenspiel mit Battle Maps dar. Sicher, es geht wohl auch ohne, dennoch sind die Tabletop Wargame-Wurzeln überdeutlich sichtbar. Weder die klare Kampforientierung mit dem Shaken-Rumgehampel noch das übermäßig beliebige Kräftesystem (Magie, PSI, Superpowers) machen mich sonderlich an. Gleichwohl sind einige vokale Systembefürworter in der G+ Community Rollenspieler (deutschsprachig) aktiv. Sofern Du mit den bereits angedeuteten Fragestellungen der Online-Rudelbildung kein Problem hast, findest Du dort überdies Anhänger der Ninth World (Numenera). Unter anderem werden für diese beiden Systeme immer wieder (Online-)Spielrunden angeboten.

Wenn du Bock hast zu antworten, ich würde mich freuen. Im Moment bin ich hin- und hergerissen, ob ich in die Starnext-Kampagne pledge.

Herzliche Grüße
A.

Damit endet diese Doktor Sommer-Fragerunde. Ich würde nicht so viel auf das Online-Geplappere geben (ja, dies schließt auch diese Seite ein!), denn letztlich bleibt es ohnehin jedem selbst überlassen, was gefällt oder nicht. Ganz egal, wie Du Dich hinsichtlich Numenera und Savage Worlds entscheidest, viel Spaß beim Spielen!

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2 Kommentare

    • Kristian, vielen Dank. Muss ich mir mal in aller Ruhe anschauen. Gute Zeit.