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Night’s Black Agents – (S)entries: Touch Darkness

Night's Black Agents (Pelgrane Press)

Night’s Black Agents (Pelgrane Press)

Pelgrane Press. Ein kleiner Spielbericht und Ersteindruck über Night’s Black Agents von Ken Hite. Vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit das Agenten-Rollenspiel am Spieltisch anzutesten.

„Touch darkness and darkness touches you back.“
True Detective (HBO) poster slogan

tl;dr: Wer „erwachsene“, harte Agententhriller schätzt und (übernatürlichen Vampir-)Verschwörungen nicht völlig abgeneigt ist, spielt dieses Rollenspiel. Punkt.

„YOU CAN WIN

 

Yes, this is a game of horror, in which your agent might well be slaughtered, exsanguinated, or buried in a Slovakian cement fabric. That will definitely happen if you do nothing, so you might do as well something.“
Night’s Black Agents – A Vampire Spy Thriller by Kenneth Hite (p. 117)

– Spoiler voraus! –

Prelude I – Um was geht es und wie funktioniert das Regelwerk?

Unsere vier Charaktere, drei ehemalige europäische Agenten und ein amerikanischer Spitzel, sind vorgefertigt, wie es sich für ein anständiges Convention-Abenteuer gehört. Dennoch benötigen wir rund 20 bis 30 Minuten, um alle Fähigkeiten, Eigenheiten und Cherries (Shticks, Feats) zu erklären. Klassen (Krieger, Magier, usw.) gibt es nicht, stattdessen dienen Backgrounds (Black Bagger (Infiltration Specialist), Wet Worker (Killer), etc.) und jeweils ein MOS (Military Occupational Speciality) als grobe Leitplanken für die Charakterisierung.

Besonders ins Auge fallen die Fähigkeiten Network, Preparedness und Cover. Dazu später mehr. Ansonsten basiert das System grob auf einem sechsseitigen Würfel und bei Bedarf können Punkte aus einem entsprechenden Skill-Pool eingesetzt werden. Ja, man kann damit einen Erfolg kaufen. Wir spielen die tödliche Variante, dies bedeutet, eine Schlägerei gilt als unangenehm, aber mit Waffen in der Hand wird es schnell sehr schmutzig. Diese Abwärtsspirale soll auch einen gestandenen Agenten zügig unter die Erde bringen. Das auch mal ganz putzige Spielgefühl von Dungeons & Dragons oder des Pathfinder RPG bleibt uns damit glücklicherweise erspart. Selbstverständlich bietet Night’s Black Agents auch andere Spielmodi für „heroischere“ Spielstile.

Prelude II – Flashback – Die Regeln in Action

Belgrad – Während des NATO-Bombardements am 21. April 1999

Das Team befreit den zuvor bei einem Konvoiüberfall entführten Sören Skarsdal (Norweger, NIS Cyberwarfare Programmer (Mitspieler)). Es kommt zu einem kurzen Schusswechsel mit den Kidnappern. Die Befreiungsmission endet erfolgreich.

Dieses Vorspiel dauerte nicht länger als 30 Minuten. Die Gruppe kennt sich nun und wir wissen im Wesentlichen, wie das Spielsystem funktioniert. Die Initiativeregeln sind bemerkenswert. Es wird immer zuerst geschossen, alles andere folgt danach.

Mission Report: (S)entries

Night's Black Agents: (S)entries Handouts (by @derO23)

Night’s Black Agents: (S)entries Handouts (by @derO23)

Jahre Später – irgendwann heute. Ein aus dem Krieg bekannter Mittelsmann beauftragt das Team mit der Beschaffung eines Notebooks und aller etwaiger Backups. Der erste Haken an der Sache, die Maschine gehört einem Bregadier-General der NATO und unsere Teilbezahlung vorab, führt bei der nachfolgenden Recherche zur russischen Mafia. Das Team erhält von ihrem Auftraggeber ein umfangreiches Dossier über den Hintergrund und die Gepflogenheiten der Zielperson. Für die Übergabe erhält das Team eine Telefonnummer und ein paar geografische Koordinaten … [REDACTED] …
Trotz dunkler Vorahnungen und einem leichtfertigen Double-Cross landete das Team nicht auf dem Friedhof.

Debriefing – Verdict

Was soll ich sagen? Puppenschubsen auf einer Battlemap ist auch mal ganz nett, aber Rollenspiel ist zumindest für mich eher wie ein gutes Buch oder eine spannend erzählte Geschichte. Nach unserem Vorspiel, um die Regeln kennenzulernen, gab es keinen einzigen Kampf mehr. Wir würfelten nicht einmal mehr, wenn ich mich richtig erinnere.

Einzig die besonderen Fähigkeiten Network, Preparedness und Cover spielten eine größere Bedeutung. Network repräsentiert Kontakte, Preparedness – die richtige Vorbereitung und Cover sind zusätzliche Deckidentitäten. Dies bedeutet, durch Punkteinvestition kennt man beispielsweise eine Assistentin bei der NATO näher, hat das richtige Werkzeug dabei, wenn man es braucht und verfügt über eine zusätzliche Identität als jugoslawischer Kaufmann.

Wer einmal Shadowrun gespielt hat, kennt das „Problem“ – gefühlt endlose Planungs- und Einkaufsorgien und dann hat man doch nicht das Richtige dabei, weil Herr von Moltke oft einfach recht behält: „Kein Plan überlebt die erste Feindberührung.“

Für ein Conspiel halte ich Night’s Black Agents etwas zu aufwendig, falls nicht alle das Spiel beherrschen oder zumindest erfahrene RollenspielerInnen sind. Für meinen Geschmack ist es grundsätzlich ein wenig zu regellastig. Es gibt sehr viele Optionen – auch für Kämpfe. Optimierer und Powergamer können sich entsprechend austoben und mit wilden Cherriekombinationen (Eye of the Tiger, Mook Shield, Technothriller Monologue, usw.) trumpfen.

In meinen Augen spielt die kleine Night’s Black Agents-Musik an anderer Stelle. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Kick Ass-Agenten, aber dennoch bleiben sie sterbliche Menschen. Dies ist nicht die World of Darkness, wo beinahe jeder irgendwie rumzaubert. Überdies kann der Spielleiter mithilfe eines ausgefeilten Baukastens seine blutsaugenden Antagonisten selbst zusammenstellen. Vorsicht, hier drohen abgefahrene Überraschungen.

Ultraviolet - A TV serial by Channel 4

Ultraviolet – A TV serial by Channel 4

„‚Cause I’m a vampire
I like a turn of the rights
‚Cause if you turn on the lights
There’s nothing there“
The Blakes – Vampire

Night’s Black Agents funktionierte für uns sehr gut ohne Blutsauger. Unterschwellige Mehrdeutigkeiten und das drohende „untote“ Damoklesschwert gepaart mit solide geerdeten Thrillerzutaten ergeben in den richtigen Händen wunderbaren Abenteuerstoff. Dennoch liebe Szenarioschreiber, aber Friedhofszenen mit vorheriger Ansage sind in diesem Zusammenhang doch etwas zu viel des Guten, oder?!

Würde ich Night’s Black Agents wieder spielen? Ja, auf jeden Fall, aber idealerweise eine überschaubare Kampagne wie etwa The Zalozhniy Quartet – auch um die Möglichkeiten und Kniffe des Spielsystems auszuloten. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein – und so weiter. Aufgrund des Fisselsystems sehe ich von einer Spielleitung (vorerst) ab.

Zur Einstimmung bieten sich übrigens die britischen Serien Ultraviolet und Strike Back an. Die erstgenannte, hierzulande sicherlich eher unbekannte Fernsehunterhaltung stellt nach meinem Dafürhalten eine Blaupause für Night’s Black Agents dar.

PS: Vielen Dank für die exzellente Vorbereitung, die sehenswerten Handouts und die flexible Spielleitung, @derO23.

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1 Kommentar

  1. Danke für den Spielbericht !

    Die Pelgrane Sachen interessieren mich generell. Habe mich grade durch Hillfolk gelesen. Mir gefielen daran die moderierenden Regeln, die universelle Setting Kompatibilität und die Forcierung innerer Bewegung der Charaktere. Ein Spiel, in dem man wirklich Rollen spielt.

    Als nächstes wollte ich mir mal Esoterrorists 2nd und vornehmen.