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Zero Dark Thirty: Spiel mir das Lied vom War on Terror

Zero Dark Thirty, der aktuelle Action-Thriller von Kathryn Bigelow (The Hurt Locker, Near Dark, etc.) nach einem Drehbuch von Mark Boal. Die USA schicken ihre Häscher(-innen) los, um erfolgreich den Terroristen Osama bin Laden zu beseitigen.

„Auch nach 10 Jahren hat eine Frau
die Jagd nach dem meistgesuchten Mann
der Geschichte nicht aufgegeben“
Zero Dark Thirty Werbeslogan

Short Review – Kurzkritik:

Eine starke Frau zeigt den Männern des amerikanischen Geheimdienstes, wo es im Kampf gegen den Terror langgeht. Andere machen sich die Finger schmutzig und schließlich wird ebenso eindrücklich wie fragwürdig der Siegeswillen der Supermacht beschworen.

Preliminary Remarks – Vorbemerkungen:

Die Filme von Kathryn Bigelow tauchen immer wieder vor meinen filmischen Augen auf. Ich erinnere an Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis (hervorragender Vampierfilm), Gefährliche Brandung (Point Break, Actionfilm), Strange Days (Science Fiction-Thriller) und zuletzt Tödliches Kommando – The Hurt Locker (Kriegsdrama).
Der Spieledesigner Robin D. Laws setzt sich spielerisch mit Zero Dark Thirty and GUMSHOE auseinander. Er setzt die Agentenprozedur in einen Rollenspielkontext. Der selbst ernannte Geheimdienstspezialist unterstellt dem Film gar eine gewisse Realitätsnähe, sobald er das Gesehene mit „… the film, as it ought, sets aside the conventions of fictional investigation for the less assuring contours of real life.“ kommentiert. Dies war der letzte Beweggrund, sich mit dem neuen Werk der Dame aus Hollywood näher zu beschäftigen.

„Ammar: Please help me.
Maya: You can help yourself by being truthful.“
Zero Dark Thirty

Plot, Story – Handlung, Geschichte:

Nach dem 11. September 2011 eröffnen die USA ihren War on Terror. Eine frischgebackene Analystin des C.I.A., Maya (Jessica Chastain), nimmt in Pakistan die Jagd nach Osama Bin Laden auf. Sie tritt ihren Job als Nachwuchs- und Aushilfsfolterknecht in einem Geheimgefängnis (Black Site) an. Einsperren, Waterboarding, Erniedrigungen und Schlafentzug gehören zum Geschäft. Zuckerbrot und Peitsche: Beantwortet der Gefangene artig die Fragen, dann gibt es Erleichterungen für ihn und wenn nicht, dann werden die Misshandlungen fortgesetzt. Die Protagonistin schlägt nie selbst zu, das machen andere für sie.
Jessica, ihre Kollegin und „einzige Freundin“, kommt bei einem Attentat um. Der smarte Knochenschänder, Dan (Jason Clarke), kehrt ausgelaugt zurück in die Staaten. Zwischendurch werden einige Attentate in Islamabad, Camp Chapman, London und auf die Protagonistin eingestreut.

Das Geschehen zentriert sich immer mehr auf Maya, die beharrliche Analystin, die Verhöre und Folter minutiös auswertet und messerscharf ihre Schlüsse zieht. Eine Spur in der Sackgasse löst sie auf, indem sie erkennt, dass der tot geglaubte Bote Abu Ahmed noch lebt und tatsächlich Ibrahim Sayeeds heißt. Dan besticht daraufhin einen kuwaitischen Geschäftsmann mit einem Lamborghini und erhält im Gegenzug die Telefonnummer der Mutter des Gesuchten. Ein Anrufer verhält sich verdächtig, er ruft immer wieder von verschiedenen Orten kurz an. Maya treibt ihre Vorgesetzten vor sich her und fordert die Verfolgung wieder aufzunehmen. Die Beschattung des Kuriers führt schlussendlich zu einem stark gesicherten Gebäudekomplex in Abbottabad.

Überzeugt davon am Ziel zu sein, setzt sie ihre Vorgesetzten weiter unter Druck und widerspricht anderen Beratern, die davon ausgehen, dass sich der gesuchte Terroristenführer lediglich zu 60-80% dort aufhält. Trotz aller ergebnisarmen Aufklärungsmaßnahmen behauptet sie, der terroristische Vordenker der al-Qaida, Osama bin Laden, verstecke sich dort zu 100%. Sie verfügt offenbar über eine Deduktionskraft, die weit über die Fähigkeit des legendären Sherlock Holmes hinausgeht. Ihre Vorgesetzten vertrauen ihr und geben zögernd den Auftrag zur Eliminierung.
Ein spezialisiertes Killteam fliegt eine halbe Stunde nach Mitternacht (Zero Dark Thirty) am 02. Mai 2011 an diesen Ort und erledigt die Aufgabe. Die Zielperson und einige ihrer Begleiter werden getötet.
Am Ende wird die „wichtige“ Dame alleine in einer großen Militärmaschine ausgeflogen. Einige Krokodilstränen bahnen sich ihren Weg.

Style – Stil:

Kathryn Bigelow versteht ihr Handwerk. Das hat sie schon zu Genüge bewiesen. Die 157 Minuten des Flims machen keine Ausnahme. Das Szenenbild und die Kamera sitzen. Filmisch wird auf Authentizität gesetzt, wenn man so will auf ambitionierte oder bemühte Realitätsnähe. Besonders der abschließende Angriff auf das Lager verströmt einen So-kann-es-gewesen-sein-Charme. Diese Wahrnehmung wird durch einen zurückhaltenden Einsatz von Filmmusik unterstützt.
Doch bleibt die „Spieldokumentation“ sowohl schauspielerisch als auch erzählerisch weit hinter den Möglichkeiten. Die Schauspieler wirken – insbesondere die Hauptdarstellerin, Jessica Chastain, irgendwie aufgesetzt. Maya ist weder besessen noch mechanisch kalt analytisch. Als ihre Freundin umkommt, sitzt sie am Boden und starrt ins Leere, am Ende fließen ein paar leere Tränen. Keine Spur einer Charakterentwicklung weder ein Verhärten noch eine andere nachvollziehbare emotionale Entfaltung. Sie und die anderen Jäger, Gejagte und Gefolterte bleiben phrasenhafte Hüllen. Die Regisseurin löst nicht ein, was ihr Verhörmeister anfangs verspricht.

“Dan: Everyone breaks in the end, it’s biology.”
Zero Dark Thirty

Final Verdict – Fazit:

Viel Rauch um sehr wenig. Der Film hat so seine Momente, doch unterm Strich bleibt außer ein paar Zitaten nicht viel übrig. Er fügt der allgegenwärtigen Fernsehberichterstattung wenig hinzu.
„The revolution will not be televised, but the enemy and the war on terror is nearly always on screen.“
Die so oft hervorgehobene schonungslosen Folterszenen sind lediglich eine planvolle Annotation mit Schau- und absehbaren Provokationswert. Kein Gefühl der Entropie und Willkür. Die „Heldin“ bietet die Tugend der Beharrlichkeit und schickt als Schreibtischtäterin zumeist andere in den Sumpf aus Gewalt, Korruption und Machthunger. Sie zieht cool ihr Ding bis zum Ende durch. Die oft langatmige Zusammenfassung der Geschehnisse in Spielfilmformat legt die subliminale Botschaft nahe: Leg Dich nicht mit den USA an. Diese Supermacht scheut keine Kosten, Mühen oder Folterungen, um Dich auszuschalten. Selbst Pyrrhussiege sind ein Erfolg, dafür nimmt man auch ein paar Zugeständnisse für den „aufgeklärten“ Zuschauer in Kauf. Schließlich gibt auch die Kirche mittlerweile zu, dass die Erde keine Scheibe ist. Also warum verschweigen, dass im symmetrischen oder asymmetrischen Krieg Menschen allseits gepeinigt und getötet werden. Einige nichtssagende und vergängliche Tränen von Maya sind die einzigen Hinterlassenschaften in diesem Film.

Ich bezeichne so etwas als Propaganda 2.0.

Unter diesem Gesichtspunkt macht der „smarte“ Zero Dark Thirty durchaus Sinn.

“C.I.A. Employee: I think she’s smart.
C.I.A. Director: We’re all smart.”
Zero Dark Thirty

P.S.: Gegenwärtig beklagt die US-Armee mehr Selbstmorde als gefallene Soldaten im Kampfeinsatz. Im Tal von Elah und Die letzte Kriegerin setzen sich mit „dem Krieg“ und „schonungsloser“ Darstellung von Gewalt reflektierter auseinander als Zero Dark Thirty.

Ich denke, dass Rollenspiel Unknown Armies eignet sich unter Umständen für eine spielerische Auseinandersetzung mit einem dementsprechend inhaltlich und psychologisch komplexen Thema, falls man sich so etwas zutraut. (Grey Ranks, anyone?)

The Good – Dinge, die mir gefielen:

(ja, einige The Good-Zuordnungen sind schwierig)
+ Einige Dialoge sind durchaus gelungen
+ Verhaltener Einsatz von Musik
+ Der tatsächliche Angriff entspricht nicht einem typischen Gefecht in einem Action-Film
+ Der Film zeigt den Terroristenanführer nicht. Es bleibt eine Restungewissheit

The Bad – Dinge, die mir nicht gefallen:

– Schwache Schauspieler oder Skript, nahezu keine Charakterentwicklung (über Jahre)
– „Beiläufigkeit“ von Folter – ohne weitreichende Folgen für Täter und Opfer
– Als Dokumentation zu viel Spielfilm, als Spielfilm zu viel Dokumentation(-scharakter)
– Meistgesucht, oder nicht? Es braucht wohl etwas mehr als eine Frau, die ihren Mann steht, um den Anführer der gefürchtetsten Terrororganisation der Welt zu fassen töten.
– Die unterschwellige Botschaft der „unbesiegbaren“ USA, kein Kontext zur gegenwärtig erreichten Lage

The Ugly – Dinge, die ich (noch) nicht bewerte:

~ 157 Minuten Länge, die nicht immer „spannend“ oder sehenswert sind
~ Der Angriff nimmt ca. 20-30 Minuten des Films ein.

Abschließend ein in meinen Augen sehr passendes Zitat von Ben Harper:

„I see your mouth moving
But there’s a circus coming out
Always busy proving
What the world is all about
It’s no use looking you in the eye
I don’t believe a word you say“
Ben Harper with Charlie Musselwhite – I Don’t Believe A Word You Say

Quellen:
Zero Dark Thirty-Homepage
Zero Dark Thirty and GUMSHOE
Mehr Selbstmorde als Tote im Kampfeinsatz (Tagesschau)
Ben Harper with Charlie Musselwhite

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8 Kommentare

  1. Nichts verstanden: der Film handelt nicht von der Tötung Osamas – das war ein großer Zufall, der nachträglich ans Ende gesetzt wurde. Bigelow hätte den Film umstrukturieren können, damit alles auf diesen Punkt hinausläuft und die Mühen und Schmerzen der Protagonisten schließlich in einem karthartischen Erlebnis „belohnt“ werden (um dann einen „feelgood“ Patriotismus einzustreuen).

    Hat sie aber nicht.

    Stattdessen hat sie den Film gemacht, den sie ursprünglich machen wollte, eine schonungslose Dokumentation des „War on Terror“ (dass die Protagonisten damit letztendlich Erfolg haben, ändert nichts daran wie langwierig und aussichtslos ihr Krieg in jeder einzelnen Szene dargestellt wird).

    Ja, der Film ist lang.
    Ja, was passiert ist wenig spannend.
    Ja, thats the fucking Point!

    • Hm? Ich würde sagen, wir haben einen anderen Film gesehen.

      Mir fehlt ein wenig, die Begründung Deiner Position. Wo sind die „Schmerzen“? Wo ist die Charakterentwicklung, wo sind die Zweifel? Wo sind die Auswirkungen der Gewalt zu sehen? Dieser Ammar z. B. taucht auf, bekommt ein paar blaue Flecken und packt aus. Und weiter? Maya lässt in einem Verhör einen Gefangen auf ein Zeichen von ihr schlagen. Am Anfang reagiert die Protagonistin noch ein wenig auf die Taten, dann ansatzlos wird sie Teil der Methode.

      Sorry, kann gut sein, dass ich den Film nicht verstanden habe. Sollte diese Möglichkeit bestehen, dann können aber auch andere den Film nicht verstanden haben, oder? Möglicherweise verstehen unterschiedliche Menschen den Film verschieden und es geht nicht, um richtig oder falsch, sondern um eigenständige Reflektion.

      Eine abschließende Frage, in welcher Szene wird die Ausweglosigkeit betont oder gar gezeigt? Welcher Dialog deutet darauf hin? Wo ist der ist der historische/aktuelle Kontext?

      Für das Nachplappern vorgefertigter Journalistenmeinungen bin ich nicht zuständig. Ich kenne Frau Bigelow nicht persönlich und weiss nicht, welchen Film sie drehen wollte. Ich beschreibe und argumentiere meine Perspektive auf die gezeigten Bilder und Szenen durch.

      Es handelt sich um einen Action-Spielfilm, eine Interpretation – nicht um eine Dokumentation! Und um schonungslos zu sein, bedarf es etwas mehr „Nähe“. (siehe Once we were watrriors)

      Der Film hat damit „propagandistische“ (werbende) Züge, denn reale Gewalt verändert Opfer und Täter. Die Katharsis (Reinigung) findet nicht statt … zumindest in diesem Streifen. (Vergleiche Im Tal von Elah)

      Im Übrigen muss „fucking point“ sein? Werden dadurch die Argumente stichhaltiger.

      Ich denke nicht.

      • Lies meinen Beitrag nochmal. Er hat eben *keine* Schmerzen oder Charakterentwicklung. Das hätte auch die Aussage des Films torpediert und daraus ein Kasperletheater gemacht (so wie bei „24“ oder „Homeland“).

        Hier werden einfach nur die Handlungen der Protagonisten gezeigt, ohne Begründung, ohne Rechtfertigung (das hat mich stark an „Tinker Tailor Soldier Spy“). Der Film enthält daher nur soviel Propaganda, wie der Zuschauer in ihn projiziert.

        Ich würde jetzt nicht sagen, dass der Film besonders gut ist, aber der Ansatz ist zumindest interessant. Ich würde vermuten spätere Interpretationen des Stoffes (welche so unvermeidlich folgen werden, wie das Amen in der Kirche), werden einen deutlich geringeren Interpretationsspielraum aufweisen (großzügig ausgedrückt).

        • Also Karthasis (Reinigung) muss nicht in Kasperletheater enden. Nebenbemerkung: 24 ist ganz großer und mit Verlaub dummer ärgerlicher Mist!

          Protagonisten ohne Begründung/Kontext machen keinen Sinn in einem Spielfilm, warum dann keine Dokumentation?

          Dieser vorgetäuschte, pseudo-objektive, aber einseitige Blickwinkel, legt Interpretationen nahe. Ein Beispiel: Wenn Du uns anmachst, kriegen wir Dich, egal was kostet.
          Und das ist in diesem Kontext Propaganda (Werbung), Manipulation der Massen, weil diese Aussage die „Ist-Situation“ massiv verzerrt. Einige Buhmänner wurden „gehängt“,
          aber ich schlage einen Blick in Nachrichten vor (z. B. Mali).

          Es nicht als Propaganda 2.0 zu bezeichnen, würde ich als Missachtung des Gezeigten ansehen – eine andere Projektion?

          Keine persönliche Entwicklung über gut 10 Jahre und unter solchen psychisch extremen Bedingungen sind mit Verlaub Kasperletheater – hohl und inhaltsleer. (Vergleiche z. B. Mehr Selbsttötungen und US-Soldaten als Gefallene im Kampfeinsatz) Das ist „smart“ verpackter Hurra-Patriotismus, aber geradezu lächerlich. Der Film zeigt die „fiktiven“ Mühen/Anstrengungen um einen Terroristen zur Strecke zu bringen, was schließlich gelingt. Was ist es, wenn es keinen Kontext gibt, anderes als Propaganda 2.0 – Verdrehung der Tatsachen? Das ist üble Mythenbildung … Instrumentalisierung der Fiktion Hollywood für politische fragwürdige Zwecke.

          Wie gesagt:
          Dark Zero Thirty ist KEINE Dokumentation und so schonungslos wie die Bildzeitung, aber vermutlich vergleichbar „smart“ gemacht. „We are all smart.“

          Im Zusammenhang der Mythenbildung/Tatsachen- und Kontextverdrehung/Propaganda (Vergleiche z. B. Peter Jacksons Hobbit) ist der Film überaus interessant, da er uns gleich mehrere Dinge „klarmacht“.
          Wir kriegen unsere Feinde, was gezeigt wird, ist „tatsächlich“ so geschehen und Folter/Misshandlungen sieht so aus und „fühlt sich so“ an. Ich schlage vor, sich mal mit Gewaltopfern – müssen keine Kriegsgefangenen sein, zu unterhalten oder mit ggf. eigenen – echten – Gewalterfahrungen zu vergleichen. Die gezeigten Peinigungen sind ein fahles Abbild von Gewalt und Willkür und in meinen Augen kalkuliert in Kauf genommen, um das „gesetzte“ Bild in den Medien/Nachrichten aufzugreifen und „zu bestätigen“. Nee, nee …
          Wer wohl dieses „Machwerk“ finanziert hat? Ich kategorisiere Bigelows Streifen nicht in gut oder schlecht, sondern in FRAGWÜRDIG!

          Danke für die Klarstellung. Welche andere Aussage/Projektion soll der Film Deiner Meinung nach haben? Wir sehen den Film offenbar sehr unterschiedlich. Dann wird es wohl einen Grund dafür geben. Unter Umständen können diese Wahrnehmungen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es ist „Kunst“?!

          • „Protagonisten ohne Begründung/Kontext machen keinen Sinn in einem Spielfilm, warum dann keine Dokumentation?“

            Würde ich entschieden widersprechen (siehe TTSS). Als Kontrastprogramm solltest du dir mal „Act of Valor“ ansehen, da sieht man recht deutlich, was Begründung/Kontext in diesem Zusammenhang anrichten kann (obwohl der wirklich ein Dokumentarfilm ist, verursacht die sehr gewollte „Nähe“ an die dargestellten SEALS, dass der sich überhaupt nicht authentisch anfühlt – hätte man sie einfach nur bei ihren Einsätzen gezeigt, ohne ihre patriotisierenden Kommentare, hätte es mir besser gefallen).

            „Dieser vorgetäuschte, pseudo-objektive, aber einseitige Blickwinkel, legt Interpretationen nahe.“
            z.B. es gibt nicht so etwas wie einen „gerechten“ Krieg; im Recht zu sein (oder sich so zu fühlen) ist nicht dasselbe wie Recht zu haben; oder Folter mag man für gut oder schlecht halten, für ihre Wirkung hat das keine Auswirkung (und Folter versagt ja im Film mindestens genauso häufig, wie sie Ergebnisse bringt)… dass sind ein paar der Interpretationen, welche ich aus dem Film gezogen habe.

            „Die gezeigten Peinigungen sind ein fahles Abbild von Gewalt und Willkür und in meinen Augen kalkuliert in Kauf genommen…“
            Und du bist trotzdem ein Fan von „The Wire“? Nee, is‘ klar.

            Ein Film kann die Auswirkungen solcher Gewalt und Willkür nicht begreifbar machen, er kann aber den Zuschauer zum Nachdenken bringen, was die Umstände ihrer Anwendung angeht.

            „Keine persönliche Entwicklung über gut 10 Jahre und unter solchen psychisch extremen Bedingungen sind mit Verlaub Kasperletheater – hohl und inhaltsleer.“
            Sorry, aber wenn ich bei der Figur eine „persönliche Entwicklung“ (Konflikte mit Vorgesetzten, Sympathie mit Gefangenen…) gesehen hätte und die CIA hätte sie danach *nicht* von dem Fall abgezogen, *das* wäre hohles Kasperletheater. Damit die Figur glaubwürdig ist (und sie basiert ja angeblich auf einer realen Person) ist schon eine gewisse Professionalität erforderlich (besonders da wir Maya fast ausschließlich im beruflichen Kontext sehen). Möglicherweise macht sie in den 10 Jahren eine Charakterentwicklung durch. Möglicherweise verhält sie sich privat ganz anders. Aber sobald sie das auslebt (und Chastain es ausspielt) verliert die Figur ihre Glaubwürdigkeit.

            Ich persönlich brauche auch keinen Protagonisten, welcher mir (über seine „Entwicklung“) in jeder Szene vorkaut, was ich jetzt gerade zu fühlen habe und warum diese Szene bedeutsam ist. Das ist viel deutlichere Manipulation, aber offensichtlich eine, an welche sich das Publikum größtenteils schon gewöhnt hat.

          • We agree to disagree.

            „z.B. es gibt nicht so etwas wie einen “gerechten” Krieg; im Recht zu sein (oder sich so zu fühlen) ist nicht dasselbe wie Recht zu haben“
            Wie bitte, auf welcher Grundlage (im Film) beruht diese Interpretation. Projektion?

            „Ein Film kann die Auswirkungen solcher Gewalt und Willkür nicht begreifbar machen.“
            Sehe ich anders, vergleiche z. B. Once we were Warriors (Familiäre Gewalt) …
            Begreifbar machen, ist ggf. etwas viel verlangt, aber Folter als „künstlichen“/kalkulierten Aufreger zu verwenden, nun ja, halte ich weiterhin für fragwürdig. Sagen wir es mal so, mit Soldaten habe ich im wirklichen Leben nichts zu tun, dann würde ich lügen, aber mit durch Gewalt traumatisierten Menschen schon und das hört sich – für mich – nicht so beliebig an, wie in Bigelows Checklisten-Folterszenen.

            „Folter versagt ja im Film mindestens genauso häufig“
            Halte ich für eine Behauptung, die es zu überprüfen gilt.

            The Wire ist klasse, ja! Zero Dark Thirty nicht … (wirklich) …
            BTW: The Wire hat Charakterentwicklung.

            „…Figur eine “persönliche Entwicklung” (Konflikte mit Vorgesetzten, Sympathie mit Gefangenen…) gesehen hätte und die CIA hätte sie danach *nicht* von dem Fall abgezogen, *das* wäre hohles Kasperletheater. “
            Interpretation, Projektion und Behauptung? Was ist mit dem „human factor“ vs. Professionalität? Wie kann persönliche Entwicklung hohl sein? Unglaubwürdig, phrasenhaft etc. – da könnte ich folgen.

            Der Film vertritt eine mechanistische, aber subjektive Erzählweise (bis hier sind wir uns einig?), die meines Erachtens trotz aller Argumente widersinnig bleibt.

            Ich frage mich,

            … warum Du den Film verteidigst, wenn Du ihn nicht für besonders gut hältst?
            … warum Du meinen Thesen Projektion unterstellst und nach meinem Empfinden kritisierst, um dann im nächsten Kommentar selbst zu spekulieren/projizieren.
            … warum es hier gefühlt um Besserwisserei geht? Ich erkenne Deine abweichende Wahrnehmung an. Ich finde es gewissermaßen „gut“, dass Du mir widersprichst, aber wir können einander offenbar nicht von der Gegenmeinung überzeugen. Und gut ist, oder? Ob Du oder ich recht haben, spielt für mich eine untergeordnete Rolle. Wir lösen keine Matheaufgabe. Ich werfe Dir nicht vor, es „nicht verstanden“ zu haben, Du verstehst diese „Kunst“ anders. Viel mehr erwarte ich auch nicht.

            Ich bin für Meinungspluralität, nicht für Meinungseinfalt.

            PS: Ich freue mich, dass Du obskures.de – kritisch – verfolgst, sonst wüsstest Du nicht, dass ich The Wire schätze. Vielen Dank!

  2. „Wie bitte, auf welcher Grundlage (im Film) beruht diese Interpretation.“
    Die Taten zu denen die Protagonisten sich herablassen, die Dauer und Aussichtslosigkeit, mit der ihre Jagd nach den Terrordrahtziehern dargestellt wird…schließlich
    „[Folter versagt häufig] Halte ich für eine Behauptung, die es zu überprüfen gilt.“
    Ich müsste mir den Film nochmal ansehen um das zu verifizieren, aber ich glaube dass die Anzahl der Szenen in denen Folter tatsächlich nützliche Informationen zutage bringt wesentlich geringer ist, als die Anzahl von Szenen wo die unter Folter gewonnenen Informationen wertlos sind oder die Ermittlung gar in eine falsche Richtung führen.

    Das wäre evtll. etwas, worüber man nachdenken könnte: wenn eine bestimmte Handlung sich als fast durchgehend grausam und nutzlos erweist, am „Ende“ aber doch (irgendwie) zu Ergebnissen kommt, warum betrachten wir das dann als Legitimation dieser Handlung? Bzw. ist Erfolg gleichbedeutend mit Vertretbarkeit (z.B. höre ich von vielen, dass sie die Protagonisten aus „The Shield“ oder „Justified“ cool finden, obwohl deren Handlungen eigentlich nicht vertretbar sein sollten)? Die Beantwortung dieser Frage hat viel mit unseren Sehgewohnheiten zu tun.

    Warum du die Folterszenen als „kalkulierten Aufreger“ betrachtest erschließt sich mir indes nicht. Kannst du mir eine Szene nennen, in der durch Darstellung der Folter eine bestimmte Reaktion beim Publikum hervorrufen sollte?

    „Was ist mit dem “human factor” vs. Professionalität? Wie kann persönliche Entwicklung hohl sein? Unglaubwürdig, phrasenhaft etc. – da könnte ich folgen.“

    Wie in meinem Kommentar schon geschrieben, ging es mir nicht die Entwicklung an sich, sondern wie glaubwürdig die Reaktion der Umwelt auf diese Entwicklung dargestellt wird. Wäre das mit der entsprechenden Konsequenz durchgezogen worden, so würde der Film nicht mehr von der Jagd nach Osama bin Laden handeln, sondern „von der Frau, die mal für 15 Minuten Osama gejagt hat, bevor sie wegen offensichtlicher Inkompetenz gefeuert wurde“. Wäre sicherlich auch ein interessanter Film (wahrscheinlich sogar besser als 0d30), aber halt was ganz anderes.

    „Der Film vertritt eine mechanistische, aber subjektive Erzählweise“
    Mechanistisch, ja.
    Subjektiv… wer ist denn dann das Subjekt? Ich sehe das irgendwie nicht. Der Film wirkt ja nicht mal richtig aus einem Guss (einer meiner Kritikpunkte), daher kann ich mich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass er irgendeine Art von kohärenter „Botschaft“ vermittelt.

    Letztendlich geht es mir hier hauptsächlich um formale und strukturelle Fragen, was dann letztendlich hineinprojiziert wird, kann durchaus unterschiedlich sein.

    Beim Thema Darstellung von Folter/seelische Grausamkeit in Filmen haben wir wohl zu unterschiedliche Ansichten (ich fand z.B. „Im Tal von Elah“ ziemlich schmalzig), und da dieses Gebiet nichts mit der Machart des Films zu tun, möchte das auch nicht auswalzen.

    • Ich möchte nicht mehr auf einzelne Teile der Diskussion eingehen. Wir betrachten die Welt (der Filme) mit anderen Augen.

      Ich halte den Film auf verschiedenen Ebenen für subjektiv, weil er vermutlich zumindest eine von Ms. Bigelows Sichtweisen transportiert und überdies sehr dicht an der „Heldin“ bleibt, obwohl es um etwas Großes/Größeres mit dokumentarischen Zügen geht. Womöglich hat die Dame ein eher distanziertes Bild zu Gewalt und Folter. In meinen Augen „verharmlost“ sie gewissermaßen diesen Aspekt, indem sie unausweichliche Auswirkungen nicht ausführt, sondern in einem Action-Film als inszenierter Aufreger „verfälschend dokumentiert“.
      Die „realen“ Bilder in den Medien und Nachrichten zeichnen ein deutlich anderes Bild.

      Aufgrund persönlicher Erfahrungen messe ich dem „human factor“ maßgebliche Bedeutung bei, diesem wird im Tal von Elah nach gegangen, in Zero Dark Thirty nicht, was ich meinerseits für unglaubwürdig und unrealistisch halte und im Rahmen der Geschichte (polysemantisch gemeint) als propagandistisch bewerte.

      Für eine Fiktion fehlt mir einfach die Menschlichkeit (ggf. vs Professionalität) und für eine realitätsnahe Dokumentation hat Zero Dark Thirty einfach zu viel Fiktion.