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Die Kaltland-Chroniken stellen sich vor: Ein Interview mit Oliver Siegert

Kaltland-Chroniken: Cover

Kaltland-Chroniken: Cover

Kaltland-Chroniken, ein bis vor Kurzem – zumindest mir – unbekanntes deutsches Rollenspielsetting und -projekt. Oliver kommentierte einen meiner Beiträge und auf einmal zeigte sein Blog das Cover des ziemlich konkret wirkenden Vorhabens. Seine Anmerkungen hallten noch positiv nach, also hakte ich bei ihm nach. Hier nun das lesens- und sehenswerte Resultat …

obskures.de: Hallo Oliver, erzähl bitte zunächst ein wenig über Dich und Deine Rollenspielgeschichte.
Oliver: Hallo Ingo. Gerne. Ich bin 36 Jahre alt und so ab 1990 über DSA und später Mers und AD&D ans Zocken gekommen. Von da an haben wir halt quer Beet gespielt, was uns so in die Finger gekommen ist. Längere Epochen waren aber sicher noch Earthdawn und Cyberpunk 2020 gewidmet. Ansonsten schätze ich „kleinere“ RPGs mit dichter Atmosphäre und eigenem Flair wie Gemini, Kult, Agone oder Fading Suns.

Kaltland-Chroniken: Karte

Kaltland-Chroniken: Karte

obskures.de: Was ist das Kaltland-Rollenspiel? Worum geht es im Wesentlichen? Was macht es in Deinen Augen besonders?
Oliver: Die Kaltland-Chroniken sind ein eher dunkles Fantasy-Setting, das in einer sterbenden Welt angesiedelt ist. Die Götter dieser Welt sind verschwunden und alptraumhafte Kreaturen haben jetzt ihren Platz eingenommen. Mit dem Einsetzen der Dämmerung – dem Sterben Kaltlands – verändern sich ganze Landstriche dramatisch, stranden Tote aus anderen Welten und Zeitaltern auf Kaltland, längst als ausgestorben geltende Kreaturen bzw. Monster werden wieder gesichtet. Das Setting ist nach einer großen, in der Ferne verlorenen Schlacht der Lebenden gegen die Toten angesiedelt, einem Kreuzzug – von dem die besten Ritter der menschlichen Reiche und auch der Hochkönig nicht zurückgekehrt sind. Vor diesem Hintergrund schlüpfen die Spieler in die Rollen von sogenannten Geisterjägern, Mitgliedern eines Ordens, der nun als letztes Bollwerk über die Grenzen der – vor dem Zerfall stehenden – menschlichen Reiche wacht.
Die Spielwelt ist keine klassische EDO-Welt (EDO = Elves-Dwarves-Orcs) , auch wenn man durchaus viel Vertrautes findet (z.B. Trolle, Riesen, Warge). Es gibt neben den Menschen noch acht weitere spielbare Völkern, wie beispielsweise die Chetari, die Überreste einer aggressiven Rasse von „Weltenfahrern“ die einst über große Wegenetze und Portale ein sich über mehrere Welten erstreckendes Imperium kontrollierten. Dabei sind die Völker aufeinander abgestimmt (sodass man sie auch in einer Gruppe unterbringen kann) und atmosphärisch sinnvoll in die Hintergrundwelt eingebettet.

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Gardenhall)

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Gardenhall)

obskures.de: Wie funktioniert das Spielsystem von Kaltland?
Oliver: Das Setting bespielen wir selbst privat mit Savage Worlds. Wie das zukünftig aussieht, werden wir sehen. Einen netten Kontakt mit Christian Löwenthal von Prometheus Games gibt es jedenfalls.

obskures.de: Was zeichnet die Spielwelt oder den Hintergrund aus?
Oliver: Sicher die Komplexität des Hintergrunds. Das Setting ist insgesamt doch recht vielschichtig. Kriege, Intrigen, Monsterjagden, die wachsende Dominanz der Nachfolger-Götter, Seelen- und Geistermagie, Expeditionen in vergessene Landstriche oder auch alptraumhafte andere Welten, Sterbliche und Tote in einem existenziellen Ringen um die Vorherrschaft in einer Welt die dramatischen Veränderungen unterworfen ist. Das alles aber nicht ohne die Hoffnung auf einen Ausweg und ein Überleben Kaltlands.

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Borka)

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Borka)

obskures.de: Welche Inspirationen sind Deiner Meinung nach wichtig für die Entstehung Deines Spiels (Hintergrund & System)?
Oliver: Hm, versuche ich gerne zu erklären : ). Die Götterwelt ist vermutlich eher von Alien oder dem Cthulhu-Zyklus inspiriert. Das heißt, die Götter sind nicht wie z.B. in klassischen Fantasywelten wie Dragonlance oder Aventurien freundlich gesinnt und haben ein wohlmeinendes Interesse an den Völkern der Spielwelt, sondern haben eine sehr fremdartige (nicht- bzw. unmenschliche) Denkweise und verfolgen ihre eigenen finsteren Ziele. Als Konsequenz ist auch das visuelle Design der „Nachfolger“-Götter nur wenig menschlich …
Die Hintergrundwelt ist britannisch, das spiegelt sich teils auch in der Namensgebung wieder. Die Magie ist schamanistisch. Sie basiert auf Geistern, die mittels an Geisterstäben angebrachten Noten beschworen, gebunden oder auch „verbraucht“ und vernichtet werden und hat in ihrem Wirken auch Konsequenzen für die schon arg gebeutelte Umwelt. Überhaupt ist das Spiel durch andere Genres, wie die Science Fiction inspiriert. Damit meine ich nicht etwa futuristischen Kram, wie Raumfahrt o.ä., sondern z.B. das Kaltland durchaus in der Vergangenheit von einigen fremden Rassen aus anderen Welten besucht und geprägt wurde, die nun als ausgestorben gelten oder dass es Verbindungen zu anderen Welten gibt.

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Galadhad)

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Galadhad)

In den Reichen der Menschen bilden die Beziehungen und Allianzen der Adelshäuser ein komplexes Geflecht, das mehr und mehr aus seinem fragilen Gleichgewicht gerät. Das verbunden mit dem hohen Stellenwert, den Rittertum, Adel und Heraldik in der Spielwelt haben, hat etwas von Pendragon. Die in der Spielwelt geführten Helden sind selbst aber keine strahlenden Kämpen, sondern den zwielichtigen Protagonisten aus „Ritter dunklen Rufes“ von David Gemell oder den Büchern von Michael Moorcocks ähnlicher. Natürlich sind auch aus den klassischen Fantasywelten vertraute Kreaturen auf Kaltland anzutreffen, die aber durchaus auch mit einem ganz eigenen bzw. anderen Flair interpretiert werden, als man das landläufig kennt (das ist z.B. bei Hexen oder den Riesen der Fall).

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Firnmark)

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Firnmark)

obskures.de: Hexen? – klingt interessant. Bitte erzähl mehr.
Oliver: Okay: Hier ein Auszug zu den Hexen aus dem Kreaturen-Kapitel (Änderungen vorbehalten):

„Hexen – Die Hexenreiche von Esek wurden in den Hexenkriegen vor eintausend Jahren vernichtet. Von der Hexenstadt sind nur verstümmelte Türme geblieben. Doch die Höhlen in den Hexensteinen boten einigen der Kreaturen Schutz vor den Schwertern der Menschen. Die über die langen Jahre degenerierten Nachkommen der Hexen zehrten in der Dunkelheit von verschleppten Sklaven, die wie Vieh gezüchtet wurden und vermehrten sich rasend schnell. Nun sind die letzten „Vorräte“ verbraucht und aus den zahllosen Löchern der von Opferfeuern geschwärzten Hexensteine dringen hungrige Schreie an die kalte Luft.“

Kaltland-Chroniken: Auszug aus dem Kreaturen-Kapitel

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Firnmark)

Kaltland-Chroniken: Heraldik (Firnmark)

obskures.de: Welchen Status hat das Rollenspiel? Kann man es bereits testen oder erwerben? Wann sehen wir mehr als das Cover? Was können wir erwarten?
Oliver: Aktuell verteilt es sich auf eine ganze Reihe Dateien, die nun puzzleartig zusammengefügt und auch noch überarbeitet werden. Das Spiel ist bereits mehr oder weniger komplett illustriert. Dabei haben wirklich tolle Illustratoren mitgearbeitet und das Flair fantastisch eingefangen, unter anderem: Kari Christensen, Ralph Horsley (beide schon für Warhammer aktiv gewesen), Torstein Nordstrand (Age of Conan), Karsten Schreurs (Unknown Armies, Shadowrun), Jim Nelson (D&D, Earthdawn, Shadowrun), Lucio Parrillo (D&D, Rolemaster),Sedone Thongvilay (Cthulhu TCG, Game of Thrones TCG) die Kartenlegende Tobias Mannewitz (Aera-RPG, Engel) und Timon Meyer (Cold Steel Reign). Einen konkreten Veröffentlichungstermin gibt es noch nicht – 2014 ist angepeilt.

obskures.de: Vielen Dank für Deine Erläuterungen zum Kaltland-Rollenspiel.
Oliver: Gerne. Ich danke Dir für dein Interesse.

Deutsche Rollenspielpublikationen betrachte ich immer mit großer Skepsis. Für hiesige Bürokraten & Biedermeier-Fantasy erwärme ich mich zumeist nicht, aber dieser kleine Appetitanreger der Kaltland-Chroniken bestätigt meine initiale Neugier.

Die nachfolgenden Quellen enthalten noch einige zusätzliche Bilder, die diesen charaktervollen Ersteindruck bestätigen. Daraus könnte was werden!

Quellen:
Kaltland-Chroniken-Homepage

Kaltland-Chroniken: „Ein Blick auf den gespaltenen Berg – das Dunkelhorn“ (Quelle: http://torsteinn.cghub.com/ // Torstein Nordstrand)

Kaltland-Chroniken: „Die Göttin Yahaj“ (Quelle: http://www.shannonassociates.com // Torstein Nordstrand)

Kaltland-Chroniken: “Charakterillustrationen” (Quelle: http://www.grobi-grafik.de // Karsten Schreurs)

Bildnachweis:
Freiagabe durch den Autoren via Email am 02.12.2012

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9 Kommentare

  1. Hallo Ingo, danke dir für deinen schönen Bericht und den netten Kontakt! Dein Feedback freut mich sehr! Beste Grüße Oliver

    • Hi, ich Danke Dir. Mag sein, ich unterliege einer Täuschung, aber sehe ich Spuren von Game of Thrones in dem Setting. Bestes -i

  2. Z.T. britannisch-adelig geht es zu – Kaltland ist weniger bodenständig/historisch-akurat/menschenzentriert, da ist der Fantasygrad doch höher, auch wenn es ein dunkles RPG ist.

    Apropos britisch: was mir gut gefallen hat sind die „Historischen Romane“ um Uthred von Bernard Cornwell – kurzweiliges Zeug :)

    • Ich dachte, ich sehe viel zu oft Winterfells Geister überall.
      Der Konflikt zwischen den Lebenden und den Toten erinnert mich zwar daran, aber die Sache mit den „Weltenfahrern“ hat so etwas eigenwilliges. Gefällt mir…

  3. Oh allmächtiger Weltenfahrer, was für ein geniales Setting – eine düstere Welt, sinistre Gottheiten, Intrigen, Allianzen und Geisterjäger! Das sind in meinen Augen perfekte Grundpfeiler für außergewöhnliche und spannende Abenteuer. Wenn ihr das Niveau der großartigen Illustrationen auch redaktionell und im Layout halten könnt, werden die Kaltland-Chroniken dem deutschen Rollenspielmarkt neue Impulse geben.
    Ich wünsche euch großen Erfolg und melde mich schon einmal für ein vierfarbiges Hardcover an.

    • Ja, „genial“ ist ein sehr starkes Wort in meinen Augen. Aber was der Oliver so erzählt klingt SEHR vielversprechend.
      Ich hoffe, ich denke daran, dass ich ab und nachhake oder Oliver kommt auf mich zu.

      Ich würde mich auch über Vollfarbe freuen. Bestes – ingo

  4. Als Kind fand ich z.B. die „Brüder Löwenherz“ großartig. Da sterben ja zwei Brüder und gelangen in eine Art Fantasywelt. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. So what, dieses „Stranden“ in einer fremden Welt, einer Nachwelt fand ich sehr spannend und das mag ich auch an dem Toten-Thema.

    • ein weitaus abgefahreneres und recht monothematisches Beispiel wäre Wraith, aber das war mir immer zu strange… (irgendwie nicht zockbar das Spiel…)

  5. Das klingt alles sehr interessant und ich bin gespannt auf mehr.
    Ich werde Kaltland auf jeden Fall mal im Auge behalten.

    AL